Kraftwagen in Bolivien lenken.

Für alles, was sonst nirgends reinpaßt...
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Don Matías
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Kraftwagen in Bolivien lenken.

Beitrag von Don Matías »

Hier hat der Begriff Kraftfahrt seinen Sinn bewahrt:

Strassen, Wege, Pisten und Pfade

Weniger als ein Sechstel aller Strassen Boliviens ist asphaltiert, einige untergeordnete Strassen sind in ueberlieferter inkaischer Technik gepflastert. Alles uebrige ist (Schotter-) Piste oder ein Pfad = zwei "parallele" Radspuren ohne allzu grosse Hindernisse. Autobahnen existieren nicht, die asphaltierten Fernstrassen sind durchweg zweispurig, an einigen besonders starken Steigungen dreispurig. Durch den Schwerlastverkehr - mit haeufig grotesk ueberladenen LKWs - weisen die Fernstrassen grabenfoermige Spurrillen auf.

Die zugelassene Hoechstgeschwindigkeit ist auf ALLEN Strassen ausserhalb der Ortschaften 80 km/h - Kontrollen inexistent. Das realisierbare, vernuenftige Langstreckendurchschnittsmarschtempo liegt auf Asphaltstrassen bei 60 km/h bis 70 km/h, auf guten Pisten zwischen 30 km/h und 50 km/h, in Flussbetten und auf Pfaden zwischen 5 km/h und 15 km/h.

Es existieren gerade, ebene Streckenabschnitte, auf denen man z. B. mit einem PORSCHE CAYENNE auch schneller als 250 km/h fahren koennte. - Wenn es nicht den Querverkehr von Llamas, Alpacas, Ziegen, Schweinen, Kuehen, Pferden und Hunden gaebe.

Der Fahrer eines PORSCHE CAYENNE gelangt auf seiner grossen Suedamerikatour im Departamento CHUQUISACA/BOLIVIA (Anden) an ein ausgedehntes Wasserloch, vor dem ein Indio sitzt. Die Tiefe laesst sich nicht abschaetzen, und er fragt deshalb den Indio, ob er ohne weiteres durchfahren koenne. Der Indio bejaht dies ausdruecklich. Der Porschefahrer, umsichtig, oeffnet fuer den Notfall alle Seitenscheiben und das Schiebedach und faehrt dann vorsichtig los. Nach wenigen Metern versinkt der Wagen ploetzlich und vollkommen, er rettet sich durch das offene Schiebedach. Er schwimmt und watet ans Ufer und macht den Indio zur Sau. Dieser erklaert ihm mehr mit Gesten als Worten, dass ihm der Vorgang voellig unverstandlich sein, denn allen seinen Enten gehe das Wasser immer nur bis zur Brust. Daher: Vorsicht bei Auskuenften von Einheimischen!

Waehrend der Regenzeit sind sehr viele Strassen im tropischen Flachland (Departamentos Santa Cruz, Beni, Pando) nicht befahrbar. Unter Wasser. Anfang 2006 bis Mai 2006 stand in Beni eine Flaeche groesser als die gesamte Schweiz vollkommen unter Wasser. Die starken und anhaltenden Niederschlaege waren Folge des periodischen Klimaphaenomens "EL NIÑO".

Nach der jeder Regenzeit (Dezember bis Maerz) gibt es auch zahlreiche Wege nicht mehr: Fluesse verlegen ihren Lauf, Hochwasser reissen Uferstrassen und Bruecken weg, Stein-Schlamm-Wasserlawinen und Bergstuerze in den Anden lassen die Wege verschwinden oder fraesen unueberwindbare Graeben und Furchen in die Haenge. Durchfeuchtete Bergruecken rutschen ab, etliche Kilometer Asphaltstrasse mit sich in die Tiefe nehmend (COCHABAMBA <-> SANTA CRUZ DE LA SIERRA, Gebiet "EL SILLAR").

Auf allen Andenstrassen gibt es sehr viel Steinschlag, denn die Berge/Huegel/Haenge sind zumeist ein Gemisch aus Erde, Steinen und Felsbrocken aller Groessen. Der Regen waescht die Erde aus, die Steine stuerzen auf den Weg. (Ich fuehre, um sie notfalls zu sprengen, das Noetige im Wagen mit.) Bruecken sind die Ausnahme, Furten und "Flussquerungen selon saison" = "man muss sehen, wo man glaubt, dass man jetzt durchkommt" die Regel. Flussbett = Weg ist in den Anden sehr haeufig, diese Strecken sind schwierig. Im Flachland trifft man ebenso wie in den Anden auch auf Sandstrecken, in den Dschungelgebieten sind Wasserlaeufe, Suempfe und Schlamm die haeufigsten Hindernisse. In Hoehen ueber 4.500 Metern kann zu jeder Jahreszeit kraeftig Schnee fallen.

Wenn die Natur gerade keine Hindernisse in den Weg legen sollte, werden die Hauptverbindungsstrassen gerne von Indios, Cocaleros, Mineros, Lehrern, Gesundheitspersonal, Studenten, missgestimmten Einwohnern eines Ortes an der Strecke oder sonstigen Interessengruppen blockiert.


Fuhrpark

Der Fuhrpark Boliviens ist extrem heterogen. Es gibt auf Hochglanz polierte HUMMER H2 mit verchromten Raedern und weiteren imposanten Machoparaphernalia, einige MERCEDES Limousinen, zumeist mit der Maximalmotorisierung, viele SUVs in Haenden der gehobenen Mittelklasse und unzaehlge TOYOTA und NISSAN Fahrzeuge der unteren Mittelklasse, unter ihnen sehr viele Kombis. Die meisten Fahrzeuge werden gebraucht aus Japan importiert und hier in der Freihandelszone von Rechts- auf Linkslenkung konvertiert. In der Einfachausfuehrung wird nur das Lenkrad versetzt, waehrend das Armaturenbrett unveraendert bleibt, so dass dem Beifahrer die Beobachtung der Instrumente ueberlassen bleibt, die Pedalerie wird jedoch ebenfalls nach links auf die neue Fahrerseite versetzt; die vormalige Oeffnung fuer die Lenksaeule wird vielfach mit einem Teddybaeren camoufliert. Bei neueren, teureren Gebrauchtwagen wird das Linkslenkerarmaturenbrett eingebaut, die japanischen Vans, hier "Vagoneta", (Familienkleinbusse à la RENAULT ESPACE) behalten aber ihre Schiebetuer unveraendert auf der "falschen", der linken Seite.

Es gibt sehr viele Autos im Alltagsbetrieb, die zwischen zwanzig und fuenfzig Jahren alt sind, unter ihnen eine wirklich grosse Zahl von TOYOTA LAND CRUISERN FJ 40. Wegen des trockenen Klimas in CBB, der Taupunkt wird NIE unterschritten, werden die Autos nicht von der Korrosion dahingerafft.

Der Erhaltungszustand aller Automobile streut unabhaengig von ihrem Alter extrem. Viele Fahrzeuge verfuegen ueber keinerlei Beleuchtunsanlage, die defekte Beleuchtunsanlage ist der Normalfall. Fahrtrichtungsanzeiger (Blinker) werden auch wenn vorhanden und funktionstuechtig nur irrtuemlich genutzt, funktionierende Bremsleuchten sind die seltene Ausnahme. Ein Automobil, an dem wie bei meinem LAND CRUISER alles funktioniert, wird als abartig angesehen.

Fahrzeuge mit funktionstuechtigen Stossdaempfern sind extrem selten, noch seltener sind nur Fahrzeuge ohne potente Beschallungsanlage. Fancy Beleuchtungen wie z. B. grell blau leuchtende Neonumrahmungen des Hecknummernschildes sind derzeit in Mode. Mit Tesafilm eingeklebte Seiten- und Heck"scheiben" aus opaquer Folie sind haeufig. Reifen ohne Profil sind auch bei Bussen normal. (Im Stadtverkehr ist es wegen der geringen Geschwindigkeiten und der zumeist herrschenden Trockenheit auch unwichtig.) Fast alle Busse im Stadtverkehr (~ Zwanzigsitzer) haben gewaltige mataburros (Kaenguruhfaenger, bull bars), viele Limousinen haben kuehne Aluminiumheckspoilerkonstruktionen auf der Heckklappe, scharfkantig genug, um Fussgaenger zu filetieren.

Zirka ein Sechstel aller Autos ist optisch sehr gepflegt, ein weiteres Sechstel ist akzeptabel. Der Rest ist vernachlaessigt bis extrem vernachlaessigt; dem technischen Zustand wird bei allen bestenfalls sekundaere Bedeutung beigemessen.

LKWs und Anhaenger sind zu allermeist in wirklich schlechtem Zustand. - Evos Cocalerosubchefs wurden unalengst vom ihm persoenlich aus von Chávez (oder von der Kokainindustrie?) bereitgestellten Geldern mit flammneuen TOYOTA LAND CRUISERN (ca. USD 70.000/Fahrzeug) ausgestattet. - Derartige Oberklassefahrzeuge und Luxuslimousinen werden ueblicherweise ohne Kraftfahrzeugkennzeichen ("Nummernschild") bewegt. Auch der Pflicht zur Anbringung der TERCERA PLACA, einer Plakette (= drittes Nummernschild) mit Nummer, Barcode und Fahrzeugbeschreibung fuer die Windschutzscheibe, wird nur von einer Minderheit ernstgenommen, denn die Plakette erhaelt man nur, wenn man die Kfz-Steuer an die Gemeinde gezahlt hat. Und wer tut das schon?

Die Steuer fuer meinen LAND CRUISER (Hubraum 4.230 ccm) betraegt uebrigens EURO DREISSIG pro Jahr. Er hat die TERCERA PLACA!


Versicherung

Es existiert eine zwingende Haftpflichtversicherung gegen Personenschaeden fuer alle Kraftfahrzeuge (SOAT = seguro obligatotio al transito), die "ALLE HABEN MUESSEN", ihr Vorhandensein wird durch eine Jahresplakette an der Windschutzscheibe dokumentiert. Je nach Landesteil weissen tatsaechlich zwischen vierzig und fuenfundsiebzig (!) Prozent aller Fahrzeuge diese Versicherung auf; es ist jedoch keineswegs ungewoehnlich, dass auch Fernreisebusse im Linienverkehr keine SOAT haben... LKWs auf dem Lande haben in aller Regel KEINE SOAT. - Bei Kollisionen zahlt auch der "Unschuldige" vierzig Prozent seines eigenen Sachschadens selbst, das hebt Aufmerksamkeit und Vorsicht ungemein.

Fuer meinen LAND CRUISER kostet die SOAT uebrigens USD ZWOELF pro Jahr ~ EURO 0,75 pro Monat. Und ích habe die Plakette!

Es existieren weitere freiwillige Versicherungen (Sachschaeden, "Kasko", &c.), die mich jedoch NICHT interessieren. Ích passe auf mein Auto auf!

Im Januar/Februar jedes Jahres findet - fuer einen Tag - eine "aeusserst scharfe und rigorose SOAT-Kontrolle aller Fahrzeuge" an zwei oder drei Stellen in Cochabamba statt. Man zahlt einen kleinen Obulus, schwoert, falls man sie nicht hat, die SOAT-Plakette stehenden Fusses zu erwerben - und faehrt, die Angelegenheit dem Vergessen anheimgebend, weiter.

Faelle tatsaechlicher Zahlungen seitens der Versicherungsgesellschaften an Geschaedigte sind mir uebrigens bislang nicht bekannt geworden...


TUEV

Die Fahrzeuge sind auch einmal jaehrlich zu einer nicht einmal oberflaechlichen technischen Kontrolle* vorzufuehren: Weitere Plakette fuer die Windschutzscheibe! Dies tut jedoch so gut wie niemand, denn fuer den Bolivianer stellt diese "Kontrolle" lediglich eine schikanoese Gebuhrenschneiderei (ca. EURO ZWEI) dar, der er trotzt. Erfolgreich! *) Meines Wissens existiert in ganz Bolivien (Auskunft des Praesidenten des AUTOMÓVIL CLUB DE BOLIVIA) kein einziger Bremsenpruefstand....

Ueber die technische Ausstattung des Automobils - Karrosserie, Raeder, Reifen, Bremsen, Radaufhaengung, Motor, Auspuffanlage, Beleuchtung, An-, Um und Einbauten &c. &c. - entscheidet der Fahrzeughalter hier VOLLKOMMEN AUTONOM. Der Chauffeur = "Kapitaen mit Befehlsgewalt" entscheidet auch, ob Passagiere im Innenraum, auf der Ladeflaeche oder auf dem Dachgepaecktraeger reisen. - (Die Ersatzchauffeure der Ueberlandbusse reisen - zumeist nebst williger Begleiterin - mit dem Gepaeck und der Fracht - wie z. B. meinem DYNABOL von POTOSÍ nach CBB - in der Ladebucht des Busses unter dem Passagierraum.)

Meine mehrfachen Nachfragen bei verschiedenen "kompetenten" Stellen, wo im Jahr 2007 die technische Kontrolle stattfinde, zeitigten bislang kein Resultat.


Zulassung


Der Vorbesitzer meines Wagens hatte sich nicht der Muehe unterzogen, den Wagen auf seinen Namen zuzulassen. Dies zog fuer mich kleinere Komplikationen nach sich, die jedoch binnen zweier Monate mit Hilfe eines Spezialadvokaten, dessen Kanzlei sich gegenueber dem TRANSITO (Strassenverkehrsamt) in einer zur Strasse offenen Garage befindet, ueberwunden werden konnten. Ihm oblag es auch, den zustaendigen Funktionstraegern die zur reibungsarmen Abwicklung erforderlichen Akzidenzien zukommen zu lassen. Zu meiner Eintragung als Eigentuemer war es alsdann lediglich erforderlich, von einem Provinznotar in ARQUE eine feierlich notariell beglaubigte Urkunde abfassen zu lassen, die Stein und Bein schwor, der eingetragene Voreigentuemer (aus La Paz) und ich seien vor ihm, dem Notar, erschienen und haetten den Eigentumsuebergang in seiner Gegenwart besiegelt. Keiner von uns beiden war je dort. - Um die Gebuehren der Umschreibung im Rahmen zu halten, werden ueblicherweise Verkaufspreise dokumentiert, die bei einem Achtel des Wirklichen liegen. Im Vertrag wird ein Auto, das fuer USD 4.000 den Eigentuemer wechselt, fuer Bs. 4.000 "verkauft". - Dass ich waehrend dreier Monate das Auto fuhr, ohne dass es auf mich zugelassen war, brauchte mich hier nicht im geringsten zu kuemmern. Tat es auch nicht. - Hier erlischt die Betriebserlaubnis des Kraftfahrzeugs NICHT, wenn die Fuenfwattlampe der Aschenbecherbeleuchtung gegen eine Zweiwattlampe ausgetauscht wird!

Ueberall in Bolivien bevoelkern viele Automobile ohne jede Zulassung noch Papiere, "Chutos", die Strassen, in Annoncen werden sie mit "s/p" = sin papeles offeriert. Sie wurden als Konterbande ins Land gebracht und haeufig im benachbarten Ausland (auf Bestellung) gestohlen. Unlaengst fuhr die Tochter eines Ministers ein schickes MERCEDES SUV derartiger Provenienz, das wundersamerweise seinen Weg aus Brasilien, wo es der Eigentuemer vermisste, nach LA PAZ gefunden hatte. Im Abstand von etwa drei Jahren verkuendet Boliviens Regierung dann eine Amnestie, welche es den hiesigen "Eigentuemern" gegen Zahlung eines fiktiven Einfuhrzolles plus einer Geldstrafe erlaubt, die Fahrzeuge mit "bolivianischer Staatsbuergerschaft" = nach hiesigen Begriffen ordnungsgemaessen Dokumenten begnadigen zu lassen.


Rechtsverkehr

In Bolivien herrscht Rechtsverkehr. Im Prinzip. Wenn es zweckmaessig ist, z. B. um bei der Begegnung zweier Fahrzeuge in einer Einbahnstrasse das Ausweichen zu erleichtern, wird kurzzeitig auf Linksverkehr umgestellt. Auf der mehrfach erwaehnten "gefaehrlichsten Strasse der Welt" herrscht wirklich Linksverkehr, dadurch wird gewaehrleistet, dass der Wagenlenker, der dort talwaerts faehrt, auf der Seite zum Abgrund sitzt und so besser erkennen kann, welchen Weg das linke Vorderrad nimmt*. Die Breite des Weges (dirt road) ist sehr gering und muss vor allem bei Fahrzeugbegegnungen bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt werden; breitere Fahrzeuge koennen einander nur an den Ausweichstellen passieren.

*) Zu demselben Zwecke waren frueher die "Postbusse" fuer den Personenverkehr in den Schweizer Alpen mit Rechtslenkung ausgeruestet und sie genossen Vorrang vor allen anderen Fahrzeugen.

Auf allen uebrigen Strassen und Wegen wird stets die gesamte Breite ausgenutzt, auch um Unebenheiten in der eigenen, rechten Spur auszuweichen, wenn die linke ebener erscheint. Haeufig wird dabei jedoch - wie auch bei Ueberholmanoevern - der Gegenverkehr uebersehen. Die resultierenden Frontalkollisionen lesen einen Teil der Unachtsamen aus...


Stadtverkehr


Im Stadtverkehr wird prinzipiell sehr gemaechlich gefahren, die Fahrer schalten sehr frueh hoch und lassen den Wagen mit 25 km/h bis 40 km/h im direkten (IV.) Gang bei 1.000 U/min bis 2.000 U/min rollen, nur wenige maschinenmordende Draufgaenger jagen den Motor auf 2.500 U/min oder gar 3.000 U/min hoch. Dadurch gibt es im Stadtverkehr kaum ernstliche Unfaelle. An zahlreichen Stellen wird auf den grossen innerstaedtischen Strassen (avenidas) das Tempo durch rompe muelles (woertlich "Blattfedernknacker", "sleeping policeman") reduziert, ein kleiner Asphaltwall, der mit niedrig liegenden Wagen sehr langsam angefahren werden sollte.

Von meinem Escritorio habe ich freien Blick auf die Avenida Oquendo, an deren Kreuzung mit der calle Pedro Borda sich ein derartiger rompe muelles befindet, der bei Dunkelheit gerne erst im letzten Moment ins Scheinwerferlicht - so vorhanden - gelangt. Die Chauffeure (PKW) bremsen dann panisch ab, wodurch der Wagenbug abtaucht und Spoiler oder aehnliches unnuetzte Gelaerch (hessisch, Bedeutung: Firlefanz) herben Kontakt mit der Fahrbahndecke aufnimmt. Noch unterhaltsamer ist es jedoch, wenn von Kleintransportern ein Teil der - natuerlich stets ungesicherten - Ladung von der Ladeflaeche auf die Fahrbahn huepft und dort klangvoll zerschellt. - Die Einfahrt von der untergeordneten Pedro Borda in die Avenida Oquendo ziert uebrigens ein stattlicher Graben, der waehrend der Regenzeit mit Wasser vollaeuft und mir so mit dem LAND CRUISER eine spektakulaere, die Umgebung kraeftig duschende "Wasserlochdurchfahrt" gestattet.

Ueber allen Regeln herrscht eine klare Hierarchie nach Kraft und Masse, auf deren unterster Stufe sich der Strassenkoeter befindet und direkt ueber letzterem der Fussgaenger. Beide werden durch haeufige Hupsignale von der Fahrbahn verscheucht; wenn sie diesen nicht Folge leisten, wird ihre schuldhafte Insubordination durch Ueberfahren geahndet. Ihren Tod haben sie sich nach allgemeiner Auffassung, wenn auch posthum, selbst zuzuschreiben.

Den Fussgaengern gleichgestellt sind Radfahrer, ueber beiden rangieren die Motorradfahrer. Alsdann kommen alle gaengigen PKWs und SUVs. Unter ihnen nehmen die aelteren, martialischen Fahrzeuge mit schweren Vollstahlstosstangen einen hoeheren Rang ein, weil man die Feindberuehrung mit denselben besonders fuerchtet. - Dies erleichtert mir sehr oft die Entscheidung der Vorfahrtsfrage - zu meinen Gunsten, versteht sich. - Zu obersten Kaste schliesslich gehoeren Busse, abgestuft nach Groesse, LKW's und Sattelzuege, denen man stets Platz macht.

Insgesamt ist der Stadtverkehr hier deutlich sicherer als in der BRD, in den bald drei Jahren hier habe ich lediglich drei leichte Auffahrunfaelle im Stadtgebiet gesehen, bei allen Taxifahrten ( > 1.500) habe ich NIE eine Voll- oder Notbremsung erleben muessen. Das moderate Tempo, der relative Vorfahrtsbegriff, die so erzwungene Umsicht und die hohe Wahrscheinlichkeit, auch fuer einen unverschuldeten Schaden (zum Teil) selbst einstehen zu muessen, steigern die Verkehrssicherheit sehr erheblich. Der Bolivianer leidet ausserdem nicht unter der Zwangsvorstellung, dass, wenn man "ihm die Vorfahrt nimmt", seine Mannesehre derart besudelt werde, dass sie nur mittels Blutrache wieder reingewaschen werden kann.


Vorfahrt

Zwar gilt der Grundsatz "RECHTS VOR LINKS", jedoch ist die Vorfahrt hauptsaechlich gewohnheitsrechtlich geregelt. An erster Stelle greift das erlaeuterte Hierarchieprinzip Platz, ausserdem gilt, dass ein geschlossener Fahrzeugpulk, der eine Kreuzung passiert, vor einem einzelnen Fahrzeug, insbesondere, wenn dieses bereits angehalten hat und wartet, Vorfahrt geniesst. Ueberdies hat auch das schnellere Fahrzeug Vorrang vor dem langsamen. Fahrzeuge auf grossen, breiten Strassen haben Vorrang vor denjenigen (ausgenommen Sattelzuege) aus kleineren, einmuendenden Strassen. Kreuzen sich zwei gleichwertige grosse Strassen, so hat sich stets eine Uebung herausgebildet, nach der eine der beiden als Vorfahrtsstrasse angesehen wird. - Ortsunkundige aufgepasst!!!


Verkehrschilder


Verkehrsschilder zaehlen ebenso wie Wegweiser zu Boliviens seltensten Phaenomenen; ins ganz Cochabamba gibt es sicher weitaus weniger als auf jedem beliebigen Frankfurter Strassenstueck von fuenfhundert Metern Laenge. Verkehrsschilder aufzustellen haette auch nicht den geringsten Sinn, denn jeder Bolivianer saehe es als den Gipfel perverser Selbsentmuendigung an, einem Blechschild Gehorsam zu zollen. - M.B.: "Selbst dann, wenn die Verfassung Boliviens die Befolgung der Gesetze ausdruecklich verboete, huelfe dies nichts, denn der Bolivianer macht immer, wonach ihm gerade der Sinn steht." - Ausserdem lassen sich Verkehrsschilder leicht demontieren und als Altmetall in klingende Muenze verwandeln...

An einer Strassenkreuzung ganz in der Naehe, Kreuzung Avenida Potosí mit calle Aniceto Padilla, befindet sich auf der Aniceto Padilla tatsaechlich ein Stoppschild, das den Fahrzeugen auf der Avenida Potosí Vorfahrt einraeumt; dies ist jedoch unbeachtlich, denn das Gewohnheitsrecht gewaehrt der Aniceto Padilla Vorrang, weil sie eben staerker befahren ist. Also keinesfalls auf die bloedsinnige Idee verfallen, im Pulk am Stoppschild abzubremsen! Damit provoziert man nur einen (wenig wahrscheinlichen) Auffahrunfall.

Mangels Beschilderung gibt es natuerlich auch keinerlei gesperrte Strassen/Wege: ICH KANN UEBERALL FAHREN, WO ICH WILL - AUCH QUERFELDEIN. - Und gaebe es ein Sperrschild, verfuehre ich wie jeder Bolivianer.


Lichtzeichenanlagen (vulgo Ampeln)


Ampeln indizieren die Existenz einer Kreuzung und ermahnen so den Wagenlenker zu gesteigerter Vorsicht und Umsicht. Zuweilen senden die drei vertikal angeordneten kreisfoermigen Lichter in zeitlicher Abfolge elektromagnetische Wellen im fuer Menschen sichtbaren Frequenzbereich aus, die als ROT oder GELB oder GRUEN interpretiert werden koennen, falls beim Betrachter keine Daltonie vorliegt. Defekte der Leuchtmittel in Lichtzeichenanlagen sind die Regel - ALSO OBACHT!

Ungeachtet der ausgesandten Frequenz = Lichtfarbe (s. o.) naehert man sich der Kreuzung mit reduziertem Tempo (10km/h bis 20 km/h), schaut, ob Querverkehr naht, und faehrt weiter, sofern dies nicht der Fall ist; im JEDEM Falle HUPT man. Wenn Zeit im Ueberfluss vorhanden ist, oder die Beifahrerin Zaertlichkeiten verdient hat, haelt man bei ROT an, um sich bei GRUEN wieder in Bewegung zu setzen - nicht jedoch ohne vorher gehupt zu haben! Bei unmotiviertem Anhalten an einer ROT zeigenden Ampel wird man vom Hintermann haeufig durch ein dezentes Hupsignal zum Losfahren ermahnt; dem ist im Interesse der Harmonie unter den Verkehrsteilnehmern Folge zu leisten.

Diese Regeln gelten mutatis mutandis auch fuer Fernverkehrsstrassen ("highways", BRD: "Kraftfahrtstrassen"). Wenn ich auf der Avenida Blanco Galindo nach Quillacollo, vier Spuren in jeder Richtung, mittleres Tempo 80 km/h, etliche Hundekadaver am Fahrbahnrand, an einem der zahlreichen ampelbewehrten Kreisel wegen ROT und Querverkehr anhalten muss, fahre ich natuerlich trotz ROT los, sowie kein Querverkehr mehr kommt. Bei Annaeherung an den Kreisel wird das Tempo auf ca. 50 km/h reduziert und genau geschaut, ob etwa Sattelzuege mit naturrechtlichem Vorrang Einfahrt begehren.

Von 22 Uhr bis 07 Uhr werden Ampeln generell als Dekoration aufgefasst.


Verkehrspolizisten

Zwecks Beschaeftigung allentahlben vorhandener Taugenichtse bevoelkern einige Verkehrspolizisten die Innerortsstrassen. Sie halten sich stets zu mehreren an Kreiseln - mit oder ohne Ampelanlage - auf, wo sie durch Trillerpfeifenblasen und missverstaendliches Gestikulieren den Fahrzeugfluss weiter hemmen. Ihrem Vorhandensein ist ansonsten keine weitere Beachtung zu schenken.

Mein sandbeige lackierter LAND CRUISER wird von ihnen haeufig fuer ein Behoerdenfahrzeug oder Militaerfahrzeug gehalten, da ich streng blicke, meinen Hut und beige "Kampfweste" (= Vieltaschenanglerweste) trage, und kurz mit der Linken salutiere, gruessen die Polizisten auch und lassen mich bevorzugt durchfahren. Wenn alles stockt, lehne ích mich durch das immer offene Seitenfenster hinaus und benutze meine eigene Trillerpfeife lautstark. Es hilft fast immer.

Im Januar 2006 wurden Marlenita und ich ausserhalb TARIJAS an einem Kontrollposten angehalten, ich zeigte meinen Fuehrerschein, den HOECHSTENS zwei Drittel aller (auch Berufskraft-) Fahrer besitzen, vor. Dann wurde nach der SOAT gefragt, ich stieg aus, zeigte auf den Aufkleber "BARRON'S RENT-A-CAR" am Wagenheck und sagte, dass ích mit der SOAT, da es sich um einen Mietwagen handele, REIN GARNICHTS zu tun haette. Antwort des Verkehrspolizisten: "¡Pase nomás!" = "Dann fahren Sie einfach weiter!" Rein aus Sportsgeist fuhr ich am selben Nachmittag bei dem Autovermieter vor und machte den Eigentuemer derart zur Schnecke, dass am Folgetag die Plakette nebst zahlreichen "Dokumenten", die er mir umstaendlich praesentierte, vorhanden war.

Im Februar 2005 fuhr ich mit Teresa und Taxista nach YOTALA ca. 18 km vor den Toren SUCRES, am Kontrollposten gab der Taxista, der wusste, dass er den Kontrollposten zu passieren haben wuerde, an, seinen Fuehrerschein ein einem Schnapsladen als Pfand hinterlegt zu haben. Dieser Eroeffnung schloss sich eine hoechst theatralische Debatte ueber diesen flagranten Verstoss gegen Gesetz, Ordnung und Ethik mit dem Wachhabenden an, die ich mit einer Spende von Bs. 10 (EURO EINS) fuer die Erfrischungsgetraenkekasse des Wachpostens beendete.

Kein Verkehrspolizist kaeme je auf die Idee, ein Fahrzeug wegen technischer Maengel oder zwecks Plakettenkontrolle (SOAT, TERCERA PLACA, "TUEV" s. o.) anzuhalten - sein stets voellig verwahrlostes Polizeiauto - fast immer ohne Nummernschilder - haette wahrscheinlich mehr Defekte als das angehaltene.

Als mein Auto zur "Generalueberholung Erscheinungsbild" im Januar 2007 in der Karrosseriewerkstatt und Lackiererei weilte, erschien dort auch ein Polizist mit "seinem" Polizei LAND CRUISER (FJ 45), dem ich nach Oeffnung der Motorhaube wegen der Verwahrlosung (unter vielem Anderen eine ernste Kuehlerleckage) der Maschine eine Philippika hielt, die er gesenkten Hauptes - ich hatte ihm gesagt, ich sei Deutscher, kein Gringo - schweigend entgegennahm; wahrscheinlich denkend "spinnerter, perfektionistischer Pedant". In solchen Momenten ueberzeugt den Latino mehr als alles Andere eine hinreissend huebsche, bewundernd aufblickende Begleiterin, die man deswegen fast immer mit sich fuehren sollte.


Ueberlandverkehr - die Kehrseite der Medaille


Der Ueberlandverkehr ist auf allen Strassen, vor allem auf den "guten" Asphaltstrassen, eher gefaehrlich, weil kaummein Fahrer ueber Hochgeschwindigkeitserfahrung verfuegt; jeder vermeint, sein Fahrzeug verhielte sich bei ueber 80 km/h so wie bei 35 km/h. Haarstraeubende Unfaelle mit fast immer etlichen Toten sind an der Tagesordnung. Technische Defekte, Bremsausfall durch Belagueberhitzung bei LKW und Bussen - Fahrer zu bloede, um die Motorbremse richtig einzusetzen - Reifendefekte, Lenkungsausfall wegen Wartungsmangel &c. pp. fordern ihren Tribut. Berufskraftfahrer steigern ihre Fahrtuechtigkeit bei Nachtfahrten durch Kauen von Cocablaettern und Trinken von Alkohol CAIMAN (96 prozentig). Indios fahren nach ihren Wochendgelagen im Vollrausch an der Bewusstlosigkeitsgrenze ins Nirvana. Eingeschlafene Busfahrer kommen von der Fahrbahn ab, Busfahrer setzt mit Bus zurueck: Ins Nichts. Bus ohne Scheinwerfer haengt sich nachts an die Ruecklichter eines LKW an, verliert den Anschluss, stuerzt 400 m in die Tiefe. Busrennen A gegen B mit anschliessendem Frontalzusammenstoss beider mit Bus C. LKW mit Fracht und Passagieren oben auf der Fracht kippt in Fluss. Polizei-Pick-up mit sechs Polizisten auf der Laengsbank auf der Ladeflaeche ueberschlaegt sich, Polizisten pueriert &c. &c. - Zum Glueck vermehrt sich die Bevoelkerung jedoch kraeftig genug, um diesen Blutzoll, der in erster Linie die zahlenstarke Unterklasse dezimiert, entrichten zu koennen.

Muchos saludos,

don Matías.
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BJ Axel
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Registriert: 26. Januar 2002 15:29
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Beitrag von BJ Axel »

Dieser erklaert ihm mehr mit Gesten als Worten, dass ihm der Vorgang voellig unverstandlich sein, denn allen seinen Enten gehe das Wasser immer nur bis zur Brust.

You made my day! :lol:

...und ein sehr geiler Bericht, danke dafür!

Axel
25 Jahre Power-Trax.de - Ingenieurbüro & Sonderfahrzeugbau - 24 Jahre Buschtaxi-Forum

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thores
Beiträge: 11290
Registriert: 26. Januar 2004 13:52

Beitrag von thores »

@ Don Matias (Ei bist du e Hessebub?)

Danke für diesen so schön mit Worten illustrierten Bericht aus Bolivien!

Das Lesen hat richtig Spass gemacht :thumbsup:
Grüße aus der Wetterau
Thomas

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Ulf
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Registriert: 19. Juli 2002 10:54
Wohnort: 53844 Troisdorf

Beitrag von Ulf »

Sehr schön und kurzweilig beschrieben, Danke!

Viele Grüsse in die Anden :D

Ulf :cool:
Aktuell ohne Toyota unterwegs .... :shock: 8)

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Harald KJ70
Beiträge: 3141
Registriert: 27. August 2001 09:39
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Beitrag von Harald KJ70 »

Grandios - zu lesen, dort zu leben ist sicher weniger grandios .... Oder ?
Gruß   Harald    

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Joerg B
Beiträge: 87
Registriert: 18. April 2004 20:32

Beitrag von Joerg B »

Don Matías!

Vielen Dank für Deine brillante und humorige Schilderung der Strassenverkehrszene Boliviens!
Dein Bericht hat mich, unter Ausklammerung des letzten Absatzes, der leider auch die Schattenseiten des gewährten oder käuflichen "Freiraumes" vor Augen führt, köstlich amüsiert und....das Verlangen nach mehr geweckt, denn....auch für mich gilt....you made my day!

Herzliche Grüsse in die Anden

Joerg B

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Don Matías
Beiträge: 1252
Registriert: 6. Oktober 2006 02:38

Eignungspruefung Andenlaender

Beitrag von Don Matías »

¡Hola!

EIGNUNGSPRUEFUNG

Bitte betrachten Sie die nachstehende Fotografie aufmerksam und beantworten Sie die beiden folgenden Fragen.

1. Die Bedeutung der zwei aufeinander geschichteten Steine zu Fuessen der fotografierenden Person ist:

A. Keine Bedeutung, reiner Zufall.

B. Aufhebung aller Streckenverbote.

C. Einseitig starkes Gefaelle.

D. Absolutes Halteverbot fuer Fahrzeuge mit Tandemachse.

E. Maximale Achslast zwei Tonnen.

F. Durchfahrt nur fuer verheiratete Anlieger.

G. Nur im zweiten Gang vorwaerts zu passieren.

2. Bestimmen Sie die Bedeutung des Verkehrszeichens am linken Bildrand:

A. Absitzen zum Gebet!

B. Achtung, Kreuzung mit ungeklaerter Vorfahrtsregelung!

C. Unheilvoller Streckenabschnitt, mit Maximaltempo zu durchfahren!

D. Auf natuerliche und uebernatuerliche Erscheinungen gefasst sein, Tempo reduzieren!

E. Vorsicht, Kardanwelle: Kreuzgelenkbruchgefahr!



Bild

Korrekt sind:

Frage 1.: C

Frage 2.: D

Bild

Auswertung:

Frage 1. und Frage 2. korrekt: Geeignet.
Frage 1. korrekt und Frage 2. falsch: Bedingt geeignet.
Frage 1. falsch und Frage 2. korrekt: Mangelnde Eignung.
Frage1 und Frage 2. falsch: Ungeeignet.

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Muchos saludos,

don Matías.
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ochim1103
Beiträge: 3961
Registriert: 8. August 2004 14:36
Wohnort: Norderstedt, Hedwig-Holzbein

Beitrag von ochim1103 »

Matthias: Toller Bericht, interessant! Hast du den da in B. veröffentlicht??
Witzig ist, dass der "sleeping policeman" wohl auch so in anderen Sprachen genannt wird wie z.B. in Ungarn: "fekvö rendör" - eben "schlafender Polizist". Sprachen sind einfach geil :-))
Joachim Fritz
>Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.<
Kurt Tucholsky (1890 - 1935 (Freitod)),

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Pauli83
Beiträge: 58
Registriert: 11. Oktober 2016 12:51

Re: Kraftwagen in Bolivien lenken.

Beitrag von Pauli83 »

17 Jahre später stoße ich ganz durch Zufall beim wild Herumgoogeln auf deine unfassbar unterhaltsame, herrlich bitterbös-zynische Beschreibung der allgemeinen bolivianischen Straßenverkehrssituation und kann zumindest zum Teil bestätigen, da ich mich gerade vor Ort befinde, dass sich innerhalb dieser 17 Jahre so gut wie nichts geändert hat in Bolivien. Erst deine Ausführungen haben mir wieder die absurde Situation hier deutlich gemacht, man gewöhnt sich so schnell daran, dass es dadurch fast noch umso absurder wird.

Danke für das Entertainment und ¡saludos cordiales desde Sucre!

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UH1D
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Re: Kraftwagen in Bolivien lenken.

Beitrag von UH1D »

Hi, Grüße nach Bolivien,

bin dort erst im Januar durchgekommen. Vom Titicacasee kommend über La Paz. War erst mal katastrophal bei Dunkelheit und Staubwolken im dichten Verkehr und mit überraschenden Baustellen ohne Absicherung oder Beleuchtung. Dann nach Sucre wo ich einige Tage war (Markthalle Essen genossen, monumentalen Friedhof besichtigt, usw.). Danach bin nach Süden diversen Demos ausweichend und auf Abwegen durch die Lagunengegend. Hatte aber auch mehrere Tage Camp-Quartier hinter dem Familiensitz des Baron of the tin, wo mir bei einer ausgedehnten abendfüllenden privaten Bierprobe viele Einzelheiten zur Vorbereitung des Drehs von "Butch Cassidy and The Sundance Kid" am Originalschauplatz zu Ohren kam. Gedreht wurde dann ja doch in USA. Das bol. Militär wäre wohl für die Genehmigung in Bolivien zu schlecht weggekommen, hieß es. Wirklich interessant wurden die weiter Befahrung Boliviens aus den Lagunen querbeet nach nach Osten. Kleine stillgelegte Bergbauorte mit ein paar Zurückgebliebenen und schließlich die Suche nach einem Fluss mit Furt, die zur versehentliche Einfahrt in einen aktiven Tagebau hinauslief. Ich hätte ja schon bei den zwei zuvor im Gebirge erfolgten militärischen Posten misstrauisch werden können, aber na ja. Die vorhandenen Wege hatten sich schon viele viele km hinter mir von der Kartendarstellung verabschiedet und ich mochte nicht tagelang zurück über die wirklich üblen Pisten. Hatte auf verwittertem Granit schon einen Reifen zerstört. Ich kann jedenfalls kein spanisch und die kein Englisch oder gar Deutsch. Sie waren in dem echt riesigen Tagebau wohl keinen Besuch aus Deutschland gewohnt, schon gar nicht aus dieser Richtung, und es gab einen größeren Auflauf. Erst Arbeiter und Security, dann Anzugträger, schließlich die Jeep-Kavallerie (das Militär). Da fand sich nach Beilegung der kurzen Aufregung (nein der klaut hier kein Kupfer, kommt aus Deutschland) eine uniformierte Dame, die mich zum gesuchten Fluss und einer befahrbaren Furt raus aus dem Bergbaugelände eskortierte. Wieder auf besser befahrbarem Untergrund ging es dann sozusagen problemlos weiter...

Was ich sagen möchte: Immer abenteuerlich aber stehts interessierte und immer höfliche Menschen (oder ich hab die anderen nie getroffen). Man könnte daher den ganzen Tag erzählen. Bolivien war mit Sicherheit eine der schönsten Erfahrungen meiner Reise. Mit etwas Vorsicht ist der Verkehr auch kein unüberwindbares Problem. Wie oben ja schon beschrieben ist ein 7er Landcruiser mit Hochdach, Bullenfänger vorn und zwei Reserverädern hinten eher was wo die anderen auch lieber rechtzeitig bremsen.

Grüße
Peter
Manchmal höre ich Stimmen.
Ja ich weiß... :roll:
Aber sie haben so lustige Ideen.
:biggrin:

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wüstenfreund
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Re: Kraftwagen in Bolivien lenken.

Beitrag von wüstenfreund »

Hallo,
habe mich heute morgen auch gefreut diesen recht kurzweiligen und selbstironischen Thread zu finden.
War 99 auf 2000 mit dem Mopped in Bolivien. Bin damals auf dem Altiplano von Arica nach Potosi und über den Salar den Uyuni zurück nach Chile.

Ich habe die Leute als sehr gastfreundlich und höflich empfunden, im Gegensatz zu Argentinien haben die Bus/LKW/PKW Fahrer sich relativ rücksichtsvoll benommen. Ich war aber auch nicht Cochabamba oder La Paz.
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PEOPLES
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Re: Kraftwagen in Bolivien lenken.

Beitrag von PEOPLES »

Großartig!!

Jetzt lebe ich seit >5 Jahren in Brasilien und erkenne viele Parallelen. Wobei BR deutlich groesser und damit heterogener ist. Hier in Sao Paulo geht es deutlich "gesitteter" zu als diverse km im Hinterland, aber Tendenzen sind erkennbar.
Vorfahrt

Zwar gilt der Grundsatz "RECHTS VOR LINKS", jedoch ist die Vorfahrt hauptsaechlich gewohnheitsrechtlich geregelt.
100% hier in BRA das Gleiche. Wenn das vor 20 Jahren schon so war, dann wird sich da auch nichts ändern. Einfaches "rechts vor links" geht meistens noch, aber wenn man dann zu dritt an einer Kreuzung steht, am besten hat die Vorfahrsstrasse noch eine Kurve, dann geht's nach "wer ist stärker".
Mit einem Landcruiser (höher/breiter) und der klar ersichtlichen Attitüde, dass es einem Wurscht ist, ob die schwarz matt lackierte Stoßstange einen weiteren Kratzer erfährt, kommt man schon recht weit.
Lustig ist auch, dass sich in solchen Fällen (also wenn der Gegenüber sich mal an Vorfahrtsregeln halten musste) ordentlich geschimpft/gehupt wird. Wenn man dies ignoriert, dann spornt eher noch mehr an. Geht soweit, dass die einem den Weg abschneiden wollen (was man einfach umgehen kann, indem man einfach draufhält, im Zweifel ziehen die dann nämlich zurück). Einer wollte mir schon mal bis nach Hause folgen :P
Living in Brazil, near Sao Paulo
Mitsubishi ASX 4x4 2015
Toyota Bandeirante 4x4 1989
BYD PHEV (1.5)

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