Warum Elektronik manchmal doch ganz nett istElektronik, Elektronik, Elektronik - vom schlüssellosen Einstieg über die 47-Zonen-rundherum-Klimakomfortautomatik bis hin zum Popo-Sensor, die Platinen und Chips haben die Kontrolle übernommen. Was zugegeben im Alltag verflixt angenehm ist, denn die Elektronik im J15 macht sich in der Stadt und auf der Autobahn nicht übermäßig bemerkbar. Und wenn etwas einfach nur unauffällig seine Arbeit verrichtet, dann hat es seinen Zweck erfüllt, schlicht und ergreifend.
Aber was soll man von all jenen Schaltkreisen halten, die das Fahren im Gelände erleichtern sollen? Verläuft das auch so unauffällig und störungsfrei? Ich stehe der Moderne nun wirklich alles andere als skeptisch gegenüber. Allerdings erschöpft sich die Menge der Leiterplatten in meinem Buschtaxi auch auf wenige Quadratzentimeter in GPS und Kühlbox. Der J15 hingegen würde bei Entfernung aller Elektronik vermutlich die Hälfte an Gewicht verlieren.
Wie also macht sich der ganze Kram, wenn es wirklich drauf ankommt? Um mir das anzuschauen, habe ich mir Anfang 2010 wie erwähnt einen der ersten KDJ155 geschnappt, die nach Deutschland kamen: Ein kurzer J15 also aus dem Toyota-Fuhrpark, allerdings in einer Konfiguration, die ein klein wenig von den später erhältlichen Ausstattungspaketen abwich.
Am ersten Testmorgen erwartet mich eine nette Überraschung: Neuschnee. Fest und klebrig hat sich eine weiße Schicht über alles gelegt, ideale Testbedingungen also für die erste Fahrt. Stadt und Landstraße sind eine wahre Freude mit dem permanenten Allradantrieb, aber das ist ja hinlänglich bekannt. Interessant wird es erst als ich von der Rheinebene auf einen Feldweg abbiege und mich durch den Hohlweg auf geschlossener Schneedecke langsam Richtung Weinberge hochschraube. Mein Interesse bezieht sich dabei vor allem auf das Verhalten des Fahrzeugs mit der Serienbereifung, die weit von meinen geliebten MTs entfernt sind. Auf der Straße sind die Serienpneus eine tolle Sache, und für den Geländeeinsatz zieht man sich in aller Regel anderes Gummi auf die Felgen. Nun ist der Land Cruiser aber ein ausgewiesenes Allzweckfahrzeug, das eben genau alle möglichen Einsatzzwecke in einem vereint. Was also, wenn ich unvermittelt von der Straße abbiegen muss? Auf den ersten Metern macht das ganze eine gute Figur: Der Vortrieb ist ordentlich, und der Cruiser lässt sich gezielt und sicher anstellen und leicht driftend bewegen. Kein großes Gebimmel allerorten oder Schweißperlen auf der Stirn: Das ganze macht richtig Spaß und die elektrischen Helferlein sprechen angenehmerweise recht spät an, was dem Fahrer viel Freiraum für kreative Manöver lässt. Dennoch greifen sie ein, wenn man es allzu wild treibt, und erheben hör- und fühlbar den fahrmoralischen Zeigefinger. Physik bleibt Physik, natürlich. Dennoch bieten unauffällig arbeitende Fahrassistenzsysteme einen Vorteil, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann: Sie bringen Sicherheit auch für diejenigen, die nicht gerade zum Spaß auf Feldwegen die Sau rauslassen, sondern einfach nur unbeschadet ans Ziel kommen wollen.
Genug gespielt, es wird Zeit für den Ernst des Weges: Ich biege auf einen steil ansteigenden Stichweg ab, lege die Untersetzung ein und bewege mich sachte und erstaunlich schlupffrei aufwärts. Diese Leichtigkeit macht mutig, und so halte ich auf halbem Wege und wider besseres Wissen an, um Fotos zu machen. "Das wird interessant", denke ich mir noch, als ich wieder einsteige. Bremse treten, auf "D" stellen, Bremse lösen...es liegt Drehzahl an, aber es bewegt sich nichts. Das war?s also mit dem Vortrieb. Ich trete wieder auf die Bremse - und rutsche mit der Fuhre sofort und ohne jede Denksekunde talwärts. Unter der geschlossenen Schneedecke liegt ein dünner und fester Film zwei Tage alten Schnees, der sich unmittelbar und selbstlos als probate Rutschbahn anbietet. Da ein paar Meter hinter mir eine leichte Biegung und eine Böschung lauern, ist das jetzt eine eher als suboptimal zu bewertende Situation. Mir bleiben für die folgende Entscheidung nur Sekundenbruchteile. Bilderfetzen von abgerissenen Stoßfängern und veritablen Blechschäden wabern vor meinem geistigen Auge vorbei. Irgendwo ein paar Meter weiter unten müsste noch die Einschlagstelle sein, die ich irgendwann Mitte der Neunziger bei einer denkwürdigen Schneefahrt hinterlassen hatte.
"Uiuiuiuiui?" denke ich mit großen Augen und wünsche mir mein Buschtaxi her.
Vorwärts brauche ich keinen Versuch mehr zu starten, und die Zeit für eine gezielte Böschungsbremse ist noch nicht gekommen. Also haue ich rutschenderweise den Hebel auf "R", lege den Schalter für die Sperre um, löse die Bremse...und rolle schön in der Spur, einen gefühlten Wimpernschlag von der Haftungsgrenze entfernt. Nicht schlecht fürs erste. Zumindest rolle ich genau solange, wie ich den sofort schneller werdenden Cruiser nicht sachte abbremsen möchte. Dann nämlich ist logischerweise sofort vorbei mit dem kontrollierten Abstieg und die Rutschpartie geht wieder los.
Blöd.
Also bleiben zwei Alternativen: Entweder ich zücke den Zauberstab und Harry-Pottere mich hier weg, oder ich schlage in spätestens 15 quälend langen Sekunden irgendwo im Unterholz ein und stelle mich auf ein interessantes Gespräch in Köln ein. "Aber ich wollte doch nur?"
Da ich - perfekt vorbereitet, wie ich nunmal immer bin - um die vielfältigen Helferlein dieser Black Box auf Rädern weiß, entschied ich mich für die erste Version und drückte behende und ohne lange suchen zu müssen (*puuuh*) den Zauberstab in Form eines kleinen schwarzen Tasters in der Mittelkonsole: "DAC", "Downhill Assist Control", steht da in großen, freundlichen Buchstaben. Übersetzt bedeutet das soviel wie "Keine Panik!"
In meiner akuten Situation bedeutet es "Letzte Hoffnung".
Aktiviert man diese Funktion, wird der elektronische Begleiter urplötzlich hellwach und denkt sich "Holla, die Räder drehen nicht gleichmäßig. Das gehört so nicht." Eben jene ungleichmäßig drehenden Räder werden daraufhin so eingebremst und geregelt, dass ein automatisiert kontrollierter Abstieg erfolgt. Ohne jegliches Zutun des Fahrers, wohlgemerkt. Der nämlich tut gut daran, in diesem Moment weder Gas- noch Bremspedal zu betätigen, denn das würde die DAC sofort wieder deaktivieren.
Ich drücke also den Taster, halte die Luft an?und fahre unter surreal lautem Rattern und Klacken und diversen Vibrationen tatsächlich kontrolliert und wunschgemäß talabwärts. In der gewünschten Spur. Auch um die Kurve. Und ich komme sicher und unbeschadet unten an, wo ich tatsächlich erst auf der Ebene zum stehen komme, so glatt ist der Untergrund.
"Diktatur der Elektronik" hin oder her: Das ist nicht nur faszinierend, das ist sogar verflixt sinnvoll. Ich komme nicht umhin, mich vor den Toyota-Entwicklern zu verbeugen. Das ist Land-Cruiser-typisch: Wenn es drauf ankommt, funktioniert die Technik reibungslos.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich wäre mit meinem Buschtaxi und grobstolligen Reifen exakt in der gleichen Situation gewesen. Ich hätte die Fuhre ebenfalls nicht halten können und hätte vermutlich, bedingt durch Länge, Gewicht, Schwerpunkt und Reifenprofil, sogar deutlich schneller und schräger den Abgang gemacht. Eis nimmt keine Rücksicht auf Reifenwahl oder gute Vorsätze. Es nimmt sich die Freiheit heraus, grundsätzlich glatt zu sein. Der Einschlag wäre im Gegenteil sogar, in Ermangelung elektronischer Helferlein, auf jeden Fall erfolgt. So wie damals bei jener famosen Schneefahrt. Aber er hätte nicht das Fahrzeug, sondern höchstens die Böschung demoliert. Das ist ein entscheidender Unterschied.
DAC hat mir, wenn ich das einmal so volksnah ausdrücken darf, sprichwörtlich den Hintern gerettet.
Und: Nein, ich bin den Weg dann nicht mehr hochgefahren.

