Zwei Autos. Zwei Welten.
Und ich kann dir jetzt schon sagen, welches öfter bei mir steht.
Heute reden wir mal darüber, was ich hier jeden Tag sehe.
Ich mache das jetzt seit über 30 Jahren. Jeden Tag Bühne, jeden Tag Autos, jeden Tag dieselben Geschichten – nur andere Farbe, anderes Kennzeichen und am Ende eine andere Summe auf der Rechnung.
Neulich stand wieder einer bei mir auf dem Hof. Neues Auto. Richtig neu. Groß, teuer, alles drin, was der Konfigurator hergibt.
Steigt aus, schaut mich an und sagt „Irgendwas stimmt da nicht.“
Ich setz mich rein, mach die Zündung an… und die Karre fängt sofort an, mir Ansagen zu machen. Piept hier, meldet da was, warnt, bewertet, meckert, widerspricht sich selbst…. Ich saß da wirklich kurz und dachte mir: Eigentlich braucht man keinen Termin mehr in der Werkstatt… Man braucht einen Termin beim Auto.
Am besten mit kurzer Vorstellung und Entschuldigung: „Guten Tag, ich bin heute der Fahrer, ich bemühe mich, alles richtig zu machen.“
Wir fahren los. Oder besser gesagt: wir verhandeln.
Ich lenke – er korrigiert.
Ich beschleunige – er prüft erstmal, ob das hier überhaupt zulässig ist.
Ich bremse – er bremst vorsichtshalber nochmal mit.
Und irgendwo im Hintergrund läuft ein Protokoll: „Fahrer zeigt Eigeninitiative. Beobachten.“
Zurück auf dem Hof, Motor aus, Kunde schaut mich an.
Dieser Blick… kenn ich. Der rechnet schon. Innerlich Urlaub gestrichen, Weihnachten abgesagt und ganz kurz überschlagen, ob eine Niere wirklich zwingend auf beiden Seiten nötig ist.
Und genau in dem Moment rollt hinten einer rein. Alter Kombi. Über 20 Jahre plus. Lack eher „war mal rot“, Felgen irgendwo zwischen Bordstein und Lebenserfahrung.
Motor aus – läuft sauber aus. Der Fahrer steigt aus, grinst und sagt: „Mach mal TÜV, sonst läuft er ja.“
Ich steh da zwischen den beiden Autos und denk mir: Das ist doch komplett absurd.
Der eine hat mehr Technik als ein Raumschiff, zahlt jeden Monat ordentlich Geld und hat trotzdem ständig irgendwas. Der andere fährt einfach… und kommt nur, wenn er muss.
Dann machst du bei beiden die Haube auf und plötzlich ergibt alles Sinn.
Beim alten: Haube auf – da ist ein Motor. Einfach da. Sichtbar. Greifbar. Verständlich. Du siehst sofort, wo du bist. Wenn was kaputt ist, findest du es. Ohne Expeditionsteam.
Beim neuen: Haube auf – erstmal eine riesige Plastikabdeckung. Schön geschniegelt wie ein Ausstellungsstück im Möbelhaus, damit der Kunde denkt: „Ah, das ist der Motor.“ Darunter? Technik-Versteckspiel auf Profi Niveau. Kabel, Schläuche, Stecker, Sensoren und irgendwo ganz unten versteckt sich der eigentliche Motor wie ein scheues Wildtier, das bloß keinen Kontakt mehr zu Menschen will.
Alles zugebaut, alles versteckt, alles so konstruiert, dass du möglichst nichts mehr anfassen kannst. Nicht, weil es besser ist – sondern weil es keiner mehr reparieren soll.
Und wenn dann wirklich mal was kaputt geht, wird’s richtig interessant.
Früher: Bremsen hinten. Kolben zurück, Beläge rein, fertig.
Heute: Tester dran, Wartungsmodus aktivieren, Kolben elektrisch einfahren, dann trotzdem noch mechanisch reindrehen, alles zusammenbauen, danach Kolben wieder elektrisch ausfahren, anlernen, kalibrieren, Verschleißanzeige zurücksetzen, Fehler Parkbremse löschen.… und am Ende hoffst du, dass das Auto deine Arbeit überhaupt akzeptiert.
Zum Schluss eine Rechnung, bei der ich kurz innehalte und mir denke:
„Jetzt erklärst du ihm das ganz ruhig… ganz langsam… und am besten im Sitzen.“
Und daneben steht der Besitzer mit diesem Gesicht… dieses „Das kann jetzt nicht euer Ernst sein“-Gesicht. Und ich denk mir…. Am besten, wenn ich mir meine Überstunden das nächste mal vom Urlaub abziehe.
Aber genau da passiert das, was viele nicht verstehen. Das Problem ist nicht das Auto. Das Problem ist, dass die Leute aufgehört haben, ihr Auto zu verstehen. Heute drückt man nur noch Knöpfe – und hofft, dass es passt.
Man verlässt sich auf Technik, die alles regeln soll… und merkt selbst nichts mehr. Kein Gefühl mehr für Geräusche, kein Gefühl mehr für Verschleiß. Hauptsache, das Display sagt nichts. Und wenn es doch was sagt, dann wird’s 3x so teuer.
Ich seh das hier jeden Tag. Die einen fahren, die anderen bezahlen. Nicht, weil ihre Autos schlechter sind, sondern weil sie zwangsläufig den Bezug zu ebendieser Technik verloren haben.
Früher bist du ins Auto gestiegen und hast es benutzt. Heute steigst du ein und hoffst, dass es dich lässt.
Und das ist eigentlich der größte Unterschied.
Nicht zwischen alt und neu, sondern zwischen fahren… und gefahren werden.
Also ganz ehrlich: Zu welcher Seite gehörst du?




auch, Jochen 