Oh ja, lang und schlapp. Ich habe lange Zeit zwischen Bremen und Hamburg am Rande eines kleinen Dorfes in der Nähe einer Flussniederung gelebt. Ihr wisst schon: viel Landwirtschaft, noch mehr Trecker, wenig Offroader. Im Winterhalbjahr wurde das Flüsschen häufiger aufgestaut, die Wiesen standen unter Wasser - bis zu 500 Meter breit in der Niederung. Alle Wege waren logischerweise überflutet. Wenn das Wasser wieder ablief, kamen die Sonntags-Sofa-Fahrer mit ihren BMW oder Benz Möchtegern-4x4. Am Wochenende war Hochsaison, dann wollte Vadder BMW Mudder mal zeigen, dass man mit dem Sofa mehr als nur Brühwürfel aus dem Supermarkt holen kann.
Also waren sie ganz besonders mutig und bogen häufiger in die Feldwege in die bis vor kurzem überfluteten Wiesen ein, die immer noch herrlich weich waren

Ich habe damals einen guten Nebenverdienst gehabt. 50 Euronen pro Pull war mein Satz, bei manchen wurde es teurer. Hier nur ein Erlebnis von vielen:
Samstag Nachmittag an einem trüben Novembertag, noch 2 Stunden bis zur Dämmerung. Ich wollte die Raubvögel in den Wiesen beobachten. Fahre los, biege in den Weg 100 Meter vom Fluss entfernt in die Wiese. Ooooops, hinter mir plötzlich ein BMW X5. Fährt verdammt dicht auf, hat es offenbar eilig. Will er mich noch überholen? Wow.
Schlick wird tiefer, BMW vergrösssert den Abstand, schlingert recht heftig. Nun, egal, ich wollte ja an meinen Beobachtungspunkt, verliere den BMW an der nächsten Biegung aus den Augen. Nach 30 Minuten fahre ich ein paar Kilometer weiter stromaufwärts über die Brücke, wieder auf die Strasse und am Ausgangspunkt vorbei auf dem Weg nach Haus. Was sehe ich auf dem Feldweg? Richtig, BMW mit Sofafahrer, wie er den Schlick spritzen lässt. Baaah, die Dinger sind ja auch ekelhaft glatt unten rum - klar, der Sog war stärker als sein Motörchen.
Also ich rein in den Weg, er hört auf zu spritzen, ich fahre langsam aus der Spur und neben ihn, lasse die Beifahrer-Scheibe runter und frage, ob er ein Problem hat (hatte ich schon gesagt, dass ich ein absoluter BWM-Hasser bin?).
Er: Ja, ich komme hier nicht raus, habe mich festgefahren.
Ich: Ah ja.
Seine Frau starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, kreidebleich und erschöpft.
Er: Was soll ich jetzt machen?
Ich: Einen echten Offroader kaufen.
Pause.
Er: Können Sie mich hier rausziehen?
Ich: Ja, wenn Sie einen Haken oder eine Öse haben, die nicht aus Plastik ist und bei 3 kg Zuglast ausreisst.
Er: Häh?
Ich: Haben Sie so ein Teil irgendwo unter Ihrem Venylwulst versteckt?
Er: Weiss ich nicht.
Ich: Dann würde ich jetzt mal nachsehen, ich drehe jetzt erstmal.
Er: Das schaffen Sie NIEEE in dieser Scheisse, und ich kann doch nicht mit meinen guten Sachen in den Schlick.
Ich: Ein BMW-Fahrer muss immer raus, ein Toyota-Fahrer nur wenn er will!
Also fahre ich los und drehe vor ihm. Ein paar Mal vor- und zurück, wieder neben sein Sofa.
Er: Was soll ich jetzt machen?
Ich: Den Haken oder die Öse freilegen, lesen Sie mal das Handbuch, da muss das drinstehen.
Er: Was kann ich denn sonst machen?
Ich: Ich kann Heiko (mein Freund mit dem 150 PS Trecker und einer dicken Kette) anrufen, der legt die Kette um Ihre Achse, dann ruckt und schleift es gewaltig. Kann aber dauern (Heiko ist froh, wenn er am Wochenende seine Ruhe hat).
Er: OK, habe wohl keine andere Wahl.
Ich fahre an ihm vorbei, setze mich hinter ihn. Er wackelt durch den Schlick und findet tatsächlich eine Öse. Ich mache die Tür von innen auf, gebe ihm ein Ende des Gurtes mit dem grossen Schäkel, hake das andere Ende über meine AHK.
Er: Wie mache ich das fest?
Ich: Schäkel auf, an die Öse, Schäkel zu.
Mann Leute, der hatte noch nie in seinem Sofaleben klamme Hände, aber jetzt! Und er watete mehr als knöcheltief durch die Schlicksuhle

- ein Bild für die Götter.
Er: So, jetzt kann's losgehen.
Ich: Nee, erstmal über den Preis reden.
Er: Das ist ja unverschämt.
Ich: Dann mach den Gurt wieder ab (ich duze die Leute, wenn sie nerven).
Er flucht: Scheisse!
Ich: 50 Euro.
Er: Habe ich nicht.
Ich: Dann gib das Sofa in Zahlung.
Er: Ich muss mal meine Frau fragen.
Wackelt zum Wagen, redet mit seiner Frau. Dauert etwas. Dann kommt er. Ich hatte hinten schon wieder dichtgemacht.
Er: Hier.
Ich: Wo?
Er: Die 50 Euro.
Ich: Ah, das ist nett, dann geht es jetzt los.
Er: Nein, ich muss doch erst noch in meinen Wagen.
Ich: Nee, lass mal, das Sofa kriegen wir besser raus, wenn weniger drin ist.
Geländeuntersetzung und Sperren rein, er springt zur Seite, in der Annahme, dass gleich die Scheisse sprüht. Sprüht aber nicht. Ich ziehe ihn - ohne Ruck - ganz langsam an. Der Plattbodensauger mit 2 Sofas löst sich langsam, zuckelt am Gurt hinterher. Es ist inzwischen fast dunkel geworden. Ich ziehe ihn bis auf die Strasse, lasse den Bundera mit 500 U/min im Leerlauf tuckern (eins der schönsten Geräusche dieser Welt), steige aus, ziehe meine Handschuhe an, löse den Gurt und packe ihn wieder weg.
Er: Machen Sie das öfter?
Ich: Ja, und ein Dankeschön und ein paar nette Worte über Toyota wären angebracht.
Er: Ja, vielen Dank.
Ich: Gern geschehen. War doch besser als eine Kette um die Achse mit entsprechenden Lackschäden, oder?
Er grummelt: Naja. Wo sind Sie denn langgefahren, dass Sie wieder auf der Strasse zurückgekommen sind?
Ich: Da, wo nur Toyotas und Trecker fahren können. Sie aber nicht.
Er: Warum nicht?
Ich: Haben Sie doch grade erlebt. Das ist nur was für echte Offroader, nix für Sofas auf Rädern, die unten rum glatt wie ein Kinderpopo sind. Aber ich wünsche Ihnen noch was, und kaufen Sie sich mal 'nen anständigen Toyota mit Leiterrahmen und Bodenfreiheit wenn Sie mal wieder ins Feld wollen, oder warten Sie bis zum Sommer, wenn es mal 3 Wochen nicht geregnet hat.
Eigentlich wollte ich ihm noch sagen, dass es Umbau-Kits gibt, um das BMW-Sofa tiefer zu legen, hatte dann aber keinen Nerv mehr.
Und jetzt sagt bitte nicht, ich wäre unfreundlich gewesen. Ich habe mich selbst schon im Moor festgefahren, und dann hat mein Freund Heiko mich rausgezogen - gegen Cash natürlich, denn es ist seine Zeit, und Zeit ist auch für einen Landwirt Geld. Das ist doch nur faire und ausgleichende Gerechtigkeit.
Toyota. Ankommen, wo man hin will.
Ach ja, und dass ein Toyota-Fahrer nur aussteigt, wenn **er** will, da ist was dran. Bevor man durch eine unbekannte Passage fährt, sollte man schon wollen, auch wenn man meint, den Rand des Moores zu kennen...
In diesem Sinne, haut rein!
Leben kann man nur vorwärts, das Leben verstehen nur rückwärts.
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